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Fünf Monate Schule für Studenten

Das neue „Praxissemester“ soll angehende Lehrer auf ihr späteres Berufsfeld vorbereiten

Von Thomas Schönert Kreis Re.

„Ja!“ sagt Michelle Wilke. Sie sagt es lächelnd, ohne einen Moment lang zu zögern. Dieses „Ja!“ glaubt man der Studentin sofort – es ist die Antwort auf die Frage, ob sie Lehrerin werden will. Die Sicherheit, mit der Michelle Wilke ihren Berufswunsch verkündet, hat sie im „Praxissemester“ gewonnen: Bei diesem neuen Bestandteil des Lehramtsstudiums muss jeder Studierende fünf Monate lang in die Schule. „Es geht um mehr Praxisbezug, um wichtige Einblicke in die Schule. Die Studierenden sollen ihre Berufswahl durch die längere Zeit vor Ort noch einmal überprüfen können“, erläutert Axel Vering vom Recklinghäuser Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung. Er hat die ersten „Praxissemestler“ im letzten Schulhalbjahr betreut. „Wir hatten im Kreis Recklinghausen neun angehende Lehrer von der Uni Münster, bei Vollauslastung können es bis zu 70 werden“, erklärt Vering die noch wachsende Reform, die Studierende im zweiten oder dritten Semester ihres Master-Studiums absolvieren. Und gerne absolvieren, wie Vering mit Blick auf das Abschlussgespräch mit den Studierenden berichtet: „Der Grundtenor war positiv. Man hat das Praxissemester als wichtig empfunden, konkrete Informationen zum Beruf erhalten – es ist bei den meisten Studierenden eine weitere Orientierung gelungen.“ So auch bei Michelle Wilke: „Die fünf Monate haben mir viel gebracht: Ich habe sehr viel im System Schule kennengelernt – von Konferenzen über Elternsprechtage bis zur Studien- und Berufswahlbörse“, berichtet die 23-jährige Waltroperin von ihrer Zeit am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Recklinghausen. „Und vor allem habe ich gemerkt, dass ich mit dem Unterricht klar komme: Ich bin selbstbewusst vor der Klasse, die Schüler nehmen mich wahr. Durch das ,Praxissemester‘ wurde mir die Angst vor dem Referendariat genommen, ich habe jetzt ein gutes Gefühl für später. Einfach mehr Sicherheit.“ „Es gibt hier für die Studierenden noch keine Noten, sie sind in einer Art Schonzone, können sich ausprobieren“, ergänzt Marion Maasen. Die Betreuerin am Freiherr-vom- Stein-Gymnasium hält das für sinnvoll, „denn im nur 18 Monate langen Referendariat gibt es wenig Eingewöhnungszeit, müssen die Referendare sehr schnell eigenverantwortlich unterrichten.“ Eigener Unterricht steht beim „Praxissemester“ hingegen nicht im Mittelpunkt: „Die Hochschulen, in deren Verantwortung das Praxissemester läuft, haben die Reform unter das Stichwort ,Forschendes Lernen‘ gestellt. Die Studierenden lernen zum einen das Berufsfeld Schule kennen – mit nur wenigen eigenen Unterrichtsstunden. Denn zum anderen müssen sie auch noch drei kleine Studienprojekte durchführen. Hier geht es um ganz unterschiedliche Fragen – zum Beispiel um die Organisation der Ganztagsschule oder den Umgang mit Rechtschreibproblemen“, erläutert Axel Vering. Schule erproben und Schule erforschen – diese Doppelfunktion stößt bei den Teilnehmern des ersten „Praxissemesters“ auf Kritik, berichtet Vering: „Die meisten Studenten hätten gern mehr Schule und weniger Uni gehabt, mehr eigenen Unterricht und weniger Studienprojekte, sich mehr über das Berufsfeld orientiert als das System Schule erforscht.“ Für den Recklinghäuser Pädagogen ist das nachvollziehbar: „Schule kennenlernen und die Studienprojekte durchführen – das ist schon eine enorme Belastung, zumal ein Teil der Studierenden noch mit Uni-Arbeiten aus dem Vorsemester beschäftigt ist.“ Auch Michelle Wilke fand diese zweifache Anforderung ungünstig: „Ich musste hier mit der Praxis vor Ort klarkommen – der neuen Schule, ihren Abläufen, den Lehrern, meiner Rolle im System. Da war es sehr schwierig, zeitgleich theoretische Fragestellungen zu bearbeiten.“ So hat die Studentin sich auf die Praxis konzentriert: „Die Studienprojekte habe ich durchgeführt, werde sie aber erst in den Ferien ausarbeiten. Dafür habe ich im ,Praxissemester’ mehr Unterricht besucht und gegeben als offiziell vorgesehen.“ Und mit Blick auf ihr so gewonnenes berufliches Selbstbewusstsein fügt sie lächelnd hinzu: „Ich kann nur jedem raten, das so zu machen.“

Aus der Recklinghäuser Zeitung vom 01.07.2015, mit freundlicher Genehmigung des Medienhauses Bauer /Recklinghäuser Zeitung.


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